Im Altbau Foyer geht eine Frau eine Treppe hinauf. Auf den zwei oberen Gängen hängen viele Kunstwerke an den Wänden.

Bodenplatten im Altbau

In den späten 1920er-Jahren beschloss der Freistaat Sachsen, dem Missstand abzuhelfen, dass das sächsische Lan­desfinanzamt an bis zu acht verschie­denen Dienststellen über das gesamte Dresdner Stadtgebiet verstreut lag. Man plante daher, im Packhofviertel, unweit der historischen Altstadt, ein zentrales Finanz- und Zollamt zu errichten. Be­traut wurden mit der Aufgabe der Ober­regierungsbaurat Max Barthold und Re­gierungsbaurat Ernst Tiede. Sie entwarfen ein vierseitiges Karree im Stil der Neuen Sachlichkeit auf dem Grund und Boden, den heute das Ensemble aus Landtagsaltbau und modernem Neubau einnimmt. Einen aufgrund seiner Höhe besonders umstrittenen Teil ihres Ge­bäudeentwurfs stellte der sechsstöckige Turmbau dar, der auch ein repräsentatives, wenngleich zeitgemäß schlichtes Foyer beherbergen sollte. Dafür vorgesehen war ein Bodenbelag aus kostenintensivem Naturstein.

Von Spanien nach Deutschland

Detailansicht öffnen: Außenansicht des Deutschen Pavillons in Barcelona
Der in den 1980er-Jahren rekonstruierte Deutsche Pavillon in Barcelona

Es traf sich, dass just im Januar 1930 die Weltausstellung in Barcelona endete. Auf der Exposition, die sich in ihrem Programm mit Industrie, Sport und auch Kunst befasste, war einer der gefeier­ten Länderpavillons der Beitrag der Weimarer Republik. Der damals dreiundvierzigjährige Architekt Ludwig Mies van der Rohe hatte mit dem Barcelona-Pavillon das weltweit erste Gebäude mit freiem Grundriss geschaffen; allein Außenwände und Stützen übernahmen die tragende Last und erlaubten ein freies Spiel mit Be­grenzungen innerhalb des Gebäudes. Der Künstler arbeitete als Sohn eines Steinmetzes oft große Flächen verschiedener Natursteine in seine architekto­nischen Entwürfe ein. Im Barcelona-Pavillon spielte der gezielte Einsatz von graugrünem Serpentinit, rotem Onyxmarmor sowie hellem römi­schem Travertin eine große Rolle. Mies van der Rohe verbaute etwa 600 m² des graugebänderten, hellbeigen Kalksteins in großen quadratischen Platten.

Detailansicht öffnen: Der Boden des Deutschen Pavillons in Barcelona in der Außenansicht
Ansicht der Travertinplatten im Deutschen Pavillon

Mit Abbruch des Pavillons blieb das Material zurück und die Ver­antwortlichen bemühten sich umgehend um eine ökonomische Weiterverwendung des Altmaterials. Der damalige stellvertretende Reichskommissar für das Ausstellungswesen des Deutschen Reiches, Erich W. Maiwald, schrieb in nüchternem Behördendeutsch an den Architekten Mies van der Rohe: »Da Sie das Material ja am besten kennen, halte ich es für zweckmäßig, wenn Sie zunächst einmal über eine evtl. Wiederverwendung mit Köster & Gottschalk sprächen, da mir natürlich daran liegt, den Pavillon möglichst bald in irgend­einer Form zu verwerten.« Wie und ob der Schöpfer besagten Pavil­lons auf diese Aufforderung reagierte, ist nicht überliefert.

Fest steht, dass zumindest die Travertinplatten aus Barcelona abtransportiert und zunächst in Hamburg zwischengelagert wurden. Es gibt Hinweise darauf, dass ein Dresdner Regierungsbaumeister zuerst auf das in der Hansestadt lagernde Material aufmerksam wurde. In verschiedenen Angebotsanfragen an Steinmetzfirmen nahm er auf die 600 m² Travertin-Fußbodenplatten, die in Kisten verpackt im Hamburger Hafen lagerten, Bezug. In Hamburg war es auch, wo die Platten schließlich durch die Marmorwerke Wandsbek bearbeitet und mittig geteilt wurden. Per Zug ging die Reise vermutlich im April 1931 weiter in die Hauptstadt des Freistaates Sachsen. Am 7. Juli 1931 freute sich der Dresdner Anzeiger: »Durch günstige Gelegenheit stand kostenlos der Travertin-Fußbodenbelag aus dem Deutschen Haus der Weltausstellung in Barcelona zur Verfügung.« Die Verlege­arbeiten vor Ort übernahm die Firma Silbach & John aus Dresden und stattete 580 m² des Foyers und der freien Treppe zur ersten Galerie sowie den Umlaufkorridor im ersten Stock mit den Platten aus.

In den bewegten Folgejahren, in denen das Gebäude unter an­derem die Nutzung als Finanzamt, Sitz der SED-Stadt- und Bezirksleitung Dresden und Wirkungs­stätte verschiedenster kleiner Unternehmen erlebte, blieb der Boden des Altbaufoyers – oft­mals wenig beachtet – erhalten. Auch nach der Rekonstruktion des Gebäudes zwischen 1995 und 1997 für die Nutzung durch den Sächsischen Landtag gab es nur wenige Besucher im Alt­bau des Parlaments, die um die Geschichte des Steins wussten. Lediglich eine Nachbildung der Sessel und des Tisches, die Mies van der Rohe seinerzeit ebenfalls für den deutschen Beitrag zur Weltausstellung entworfen hatte, wiesen kun­dige Gäste des Foyers dezent auf die Herkunft des graugemaserten Fußbodens hin.

Späte Aufmerksamkeit für Parlamentsboden

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Entnahme der Travertinplatte im Jahr 2019
Detailansicht öffnen: Bodenplatte aus Messing im Altbaufoyer
Die als Ersatz eingesetzte Messingplatte

Erst zum 100-jährigen Bauhaus-Jubiläum im Jahr 2019 sorgte die Entnahme einer Steinplatte aus dem Verband des Hallenbodens für größere Aufmerksamkeit: Der Mies van der Rohe-Haus e. V. in Aachen erhielt sie als Dauerleihgabe. Sie erinnert nun in dessen Geburts­stadt an den berühmten Pavillon des Bauhaus-Architekten. Ausge­füllt wurde die freie Stelle im Foyer des Sächsischen Landtags durch eine Messingplatte, die der Geschäftsführer des Vereins, Thomas Neß, persönlich einsetzte. Sie macht nun endlich alle Besucher auf die Geschichte des Fußbodens aufmerksam, den die »günstige Ge­legenheit« dereinst nach Dresden brachte.

Autorin: Anne-Marie Brade